Sexsucht

Sexualität ist dem Menschen so eigen wie das Bedürfnis nach Nahrung und nach Schutz. Doch der Begriff selbst kann bei jedem andere Assoziationen hervorrufen. Für den einen gilt allein der Geschlechtsverkehr als sexuelle Handlung. Für den anderen kann schon ein Blick oder eine Berührung sexueller Natur sein. Entsprechend unterschiedlich sind die Arten der sexuellen Ausprägungen und Verhaltensweisen. Auch für die Häufigkeit sexueller Akte lassen sich keine allgemein verbindlichen Werte benennen. Umso schwieriger scheint es zunächst, eine Sexsucht zu diagnostizieren. Doch wie bei anderen Suchtformen auch, entscheidet nicht die Häufigkeit allein über das Vorliegen einer Sucht. Hinzu kommt, dass der Akt selbst als Ersatzhandlung oder als unzureichende Bewältigungsstrategie für Probleme oder psychische Störungen bewertet werden kann. Der Sex wird also zur Sucht, wenn er nicht um seiner selbst willen ausgeführt wird, sondern von anderen Problemen oder Symptomen ablenken soll.

Im Bereich der menschlichen Sexualität können zahlreiche Störungen auftreten. So etwa die Sexualneurose, die häufig mit Impotenz oder anderen Störungen pathogenen Charakters einhergeht. Als Gegenteil der sexuellen Hemmung oder von Potenzstörungen erweist sich die extreme Steigerung der Libido, die als krankhaft beschrieben wird. Die unablässige Beschäftigung mit sexuellen Vorstellungen, der Versuch, die eigene emotionale Instabilität durch sexuelle Handlungen zu mindern, wird zur Sucht, der sich die Betroffenen ausgeliefert fühlen. Die sexuelle Betätigung nimmt dann den Charakter einer Zwangshandlung an, die mit Zwangsvorstellungen verbunden ist.

Bezüglich der Entstehung von sexuellen Störungen liegen unterschiedliche Erklärungsmuster vor. Eines der frühesten Modelle stammt von Sigmund Freud, der die sexuelle Entwicklung in verschiedene Phasen einteilte. Kommt es in einer der Phasen zu einer Entwicklungsstörung, so treten in späteren Jahren Probleme auf, die sich unter anderem in Zwangshandlungen oder neurotischen Störungen äußern. Auch ein sexuelles Trauma kann die Ursache für eine spätere sexuelle Fehlentwicklung sein. Dabei kann das Trauma durch schädigende Missbrauchserfahrungen ausgelöst werden. Zum Teil kann aber auch das kindliche Erleben einer starken körperlichen Reizbarkeit im Genitalbereich schon zur Herausbildung eines sexuellen Traumas beitragen. Die Lerntheorie geht davon aus, dass auch das sexuelle Handeln und dessen Ausprägung erworben werden. Daher existieren analog zu den unterschiedlichen Erklärungsmustern auch verschiedene Therapieansätze, so die Gesprächstherapie, die kognitive Verhaltenstherapie oder Konzepte, wie sie in der allgemeinen Suchtberatung vertreten werden.

Sexsucht wird in der Fachsprache auch als Hypersexualität bezeichnet. Die Schwierigkeiten der Diagnose ergeben sich vor allem daraus, dass das sexuelle Verhalten gesellschaftlichen Restriktionen unterliegt. Was als normal oder krankhaft erlebt wird, lässt sich kaum mithilfe objektiver Kriterien festlegen. Ausschlaggebend scheint daher eher der Leidensdruck, der beim Süchtigen selbst entsteht. Denn wer sich seiner Sexualität gegenüber ausgeliefert fühlt, verliert die Möglichkeit zum autonomen Handeln. Er begreift sich selbst nicht als aktiv, sondern als reaktiv. Hinzu kommt, dass die eigentlichen Probleme unbewältigt bleiben. Wer sich also aufgrund von Stress oder innerer Unruhe, Anspannung oder verdrängter Traumata in die Sexsucht flüchtet, verschärft damit lediglich die zugrunde liegenden Probleme. Ähnlich wie bei anderen Süchten muss dann eine ständige Steigerung erfolgen, um ein vorübergehendes Wohlgefühl zu erreichen. Dauerhaft ist aber eine solche Steigerung nicht möglich und es können sich aufgrund der Ineffektivität der Bewältigungsstrategie weitere psychische Störungen herausbilden.

Eine typische Folge von Sexsucht liegt auch in der Störung von partnerschaftlichen Verhältnissen. Die Partner von Sexsüchtigen leiden entweder darunter, dass sie sich durch die Intensität des sexuellen Begehrens überfordert fühlen. Oder aber der Sexsüchtige lebt seine Sucht außerhalb der Partnerschaft aus, sodass es zu fortwährender Untreue kommt. Eine Paarberatung ist dann ebenso zwingend erforderlich, wie die Beratung und Behandlung des Sexsüchtigen selbst. Dabei müssen im Gespräch mit einem Psychologen die Ursachen geklärt und Lösungsstrategien erarbeitet werden. Doch ist das Eingestehen einer solchen Sucht bei vielen Betroffenen mit starken Scham- und Schuldgefühlen sowie mit großer Angst vor moralischer Verurteilung verbunden. Eine Lebensberatung online oder eine psychologische Beratung am Telefon können dazu beitragen, die Hemmschwelle, das Hilfsangebot anzunehmen, erheblich zu senken. Denn die Beratungen erfolgen anonym und unterliegen derselben Verschwiegenheitspflicht wie alle professionellen Beratungs- und Therapieangebote.

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