Selbstfindung

Durch den Prozess der Selbstfindung erfahren sich Menschen zum einen als selbstständige und individuelle Wesen. Zum anderen nehmen sie sich als Personen wahr, die aufgrund von Wertvorstellungen und Normen sowie einer bestimmten Sozialisation Teil der Gesellschaft und ihrer Untergruppen ist. Selbstfindungsprozesse werden daher immer in zwei Richtungen durchlaufen: in eine abgrenzende, unterscheidende und in eine eingrenzende, Gemeinsamkeiten betonende Richtung. Störungen treten unter anderem dann ein, wenn der Einzelne sich selbst in seiner Eigenheit nicht akzeptieren kann oder von der Gesellschaft keine Akzeptanz erfährt.

Mit der ersten Herauslösung aus familiären Banden und Abhängigkeiten beginnt auch der Weg der Selbstfindung eines jungen Menschen. Neben die frühen Bezugspersonen treten nun Freunde, Lehrer, Nachbarn und Bekannte als Vorbilder und es werden andere Lebensmodelle und -entwürfe mit denen der eigenen Familie und Herkunft verglichen. Was bis dahin selbstverständlich war – das Leben nach bestimmten innerfamiliären Regeln und Wertvorstellungen – wird plötzlich hinterfragbar. Damit löst sich auch die Selbstverständlichkeit des eigenen Handelns und Daseins ein erstes Mal auf. Es stellt sich die Frage nach der eigenen Identität, die jetzt nicht mehr allein von der Herkunft, sondern auch von der Zukunft her gedacht werden kann. Das anfängliche „wer bin ich?“ wandelt sich in ein „wer will ich sein?“ Doch ist der Prozess nicht in dem Maße frei, wie es speziell jungen Menschen oft erscheint. Denn die gesamte Sozialisation, die Ausformung psychischer und geistiger Bewusstseinsinhalte und der Erwerb bestimmter Fähigkeiten und Sichtweisen haben das Individuum in bestimmten Maßen bereits unleugbar geprägt.

Damit die Selbsterfahrung von Jugendlichen überhaupt möglich wird, ist es auf der anderen Seite notwendig, dass Erwachsene die Fähigkeit und die Bereitschaft zur Ablösung entwickeln und fördern. Dies bedeutet vor allem, dass sie die Jugendlichen in ihren ersten Autonomiebestrebungen und den Versuchen, sich selbst zu „erfinden“, unterstützen. Gleichzeitig kann aber Selbstfindung nur erfolgreich sein, wenn die konkreten Lebenszusammenhänge berücksichtigt werden. Denn tatsächlich sind der eigenen Erfindungskunst gerade im Selbstfindungsprozess klare Grenzen gesetzt. Diese können materieller oder immaterieller Art sein. So etwa, wenn das Studium an einer teuren Privatschule nicht finanziert werden kann oder wenn die persönlichen Fähigkeiten nicht ausreichen, um ein angestrebtes Ziel zu erreichen. Die korrekte Einschätzung der realen Möglichkeiten gehört daher ebenfalls zu den Effekten einer erfolgreich verlaufenden Selbstfindungsphase.

Doch sind Phasen der Selbstfindung keinesfalls auf das Jugendalter beschränkt. Auch in späteren Übergangssituationen, in Lebenskrisen oder nach einschneidenden Veränderungen können die eigene Identität immer wieder infrage gestellt und Vorstellungen korrigiert werden. Gelingt dies nicht in einer Weise, die für das Individuum Zufriedenheit und ein allgemeines Wohlgefühl ermöglichen, können psychische Störungen und Krankheiten auftreten. Ständige Unter- oder Überforderung zum Beispiel kann zum Burn-out, zu Stress oder zu Depressionen führen. Belastende traumatische Erfahrungen können starke Ängste oder Zwänge nach sich ziehen, die das Ziel der Selbsterfahrung, die Selbstverwirklichung, extrem einschränken. In diesen Fällen kann die psychologische Beratung dem Einzelnen helfen, den Weg zum eigenen Selbst zu finden. Auch die sexuelle Orientierung kann sich im Erwachsenenalter noch ändern. Eine Sexualberatung hilft dabei, dies zu erkennen und den angemessenen Ausdruck dafür zu finden.

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