Prüfungsangst

Wie bei der Angst generell werden auch bei der Prüfungsangst reale und neurotische Formen unterschieden. Bei der normalen Angst vor Prüfungen wird die Situation aufgrund der eigenen Fähigkeiten und der beteiligten Personen beurteilt. Eine gewisse ängstliche Aufgeregtheit stellt sich ein, die nur zur Angst wird, wenn zu erwarten ist, dass die eigenen Fähigkeiten der Situation nicht gerecht werden können. Anders verhält es sich bei der neurotischen Angst. Für den Prüfling, der darunter leidet, stellt sich die Prüfungssituation als grundsätzliche Bedrohung dar. Er verbindet damit Erinnerungen an frühere Gefahrensituationen, die im weitesten Sinne den Charakter einer Prüfung trugen. Dazu zählen beispielsweise Trennungserfahrungen oder allgemeine Verlustängste, die aus frühkindlichen Erfahrungen stammen. Ein weiterer Sachverhalt, der die Angst vor der Prüfung noch steigern kann, ist das Verhältnis, das zu den teilnehmenden Prüfern besteht. Auch mit diesen können bestimmte Rollenerwartungen und -erinnerungen verknüpft werden.

Entsprechend dieser Einteilung ist leicht zu erkennen, dass es eine mäßige Prüfungsangst gibt, auf die relativ leicht einzuwirken ist. Durch die Anwendung bestimmter Lerntechniken kann der Prüfling sich bestmöglich vorbereiten. Eventuell vorhandene Sprechhemmungen und Probleme in der Artikulation können durch die Teilnahme an Rhetorikkursen beseitigt werden. Leichte Selbstzweifel lassen sich durch klärende Gespräche in einer psychologischen Beratung und durch entsprechende Übungen überwinden. Durch Rollenspiele kann das Verhalten in der Prüfungssituation zudem vorwegnehmend eingeübt werden. Wer alle Möglichkeiten ausschöpft, kann dann – auch wenn es sich um ein für ihn schwieriges Fach handelt – in der Regel angstfrei an der Prüfung teilnehmen.

Schwieriger verläuft die Therapie von neurotischen Prüfungsängsten. Aber auch hier sind gute Heilungschancen vorhanden. Zunächst einmal sollte mit einem Psychologen im Rahmen einer psychologischen Beratung geklärt werden, welche assoziativen Verbindungen zwischen Prüfungsangst und anderen Lebenserfahrungen bestehen. Anschließend erfolgt die Klärung der einzuleitenden Therapieformen. Dabei entscheidet der Betroffene selbst mit, ob er eine kurzfristige Lebensberatung für die Bearbeitung seiner Probleme als ausreichend erachtet. Stattdessen kann auch eine Gesprächstherapie infrage kommen. Wer die Probleme durch das Einüben veränderter Verhaltensweisen angehen will, wählt stattdessen eine Form der Verhaltenstherapie. Die Dauer der Therapie ist abhängig von der Intensität der Angst und der zugrunde liegenden Störung.

Prüfungsängste werden in der Regel schon in jungen Jahren ausgebildet. Da sich der Leistungsdruck, unter dem Kinder und Jugendliche stehen, allgemein verschärft hat, haben sich auch die Ansprüche an Prüfungsergebnisse und Zeugnisse erhöht. Für die Schüler und Schülerinnen bedeutet dies, dass sie Prüfungssituationen nur selten mit Gelassenheit begegnen können. Das Versagen in der Prüfung wird verbunden mit drohender Beschäftigungslosigkeit und sozialem Abstieg. Reagieren die Eltern auf schlechte Leistungen zusätzlich mit Liebesentzug, so wird das Risiko, dass der Betroffene eine neurotische Prüfungsangst entwickelt, um einen weiteren Faktor erhöht. Neben der neurotischen Angststörung können andere Symptome und Krankheitsbilder auftreten. Depressionen, Sucht und zwanghaftes oder selbstverletzendes Verhalten – der Stress, der durch die als extrem belastend empfundene Situation entsteht, kann die Betroffenen bis zum Suizid führen.

Eltern, die zu übertriebener Sorge neigen, können ihren Kindern damit eine schwere Bürde aufladen und zum Entstehen schulischer Probleme beitragen. Daher sollten auch Eltern von Kindern, die extreme Ängste zeigen, sich nicht scheuen, psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen.

Glossar

Artikel: