Lebenskrise

Der Begriff Krise bezeichnet ursprünglich einen plötzlichen Wendepunkt – sowohl in der Dramaturgie als auch in der Medizin. Die Krise kann dabei den Weg zum Besseren oder zum Schlechteren nehmen – sie ist also selbst weder negativ noch positiv besetzt. Ähnlich verhält es sich im Grund bei einer Lebenskrise. Auch wenn die Betroffenen diese zunächst als schmerzhaft, unangenehm oder gar als Zusammenbruch begreifen, so kann die Krise auch zur Besserung eines bestehenden negativen Zustandes beitragen.

Lebenskrisen treten häufig an biografischen Wendepunkten auf: in der Pubertät, beim Eintritt ins Berufsleben oder auch beim Übergang in den Ruhestand. Auch das Erreichen eines bestimmten Alters kann Menschen in eine Lebenskrise stürzen. Gerade Männer erleben häufig den 50. Geburtstag als ein solch kritisches Datum, an dem sie ihr gesamtes Leben hinterfragen und einen Neuanfang wünschen. Frauen erleben den Übergang ins Klimakterium häufig als kritische Phase, die sich zur echten Lebenskrise ausdehnen kann. In anderen Fällen sind es unvorhergesehene schmerzliche Ereignisse, die zur Krise führen. Der plötzliche Tod eines geliebten Menschen, Krankheit, Enttäuschung, Liebeskummer, Mobbing – die Zahl der Anlässe ist groß, doch stellen auch die individuelle Befindlichkeit und die psychische Stabilität des Einzelnen entscheidende Faktoren dar, damit ein solcher Anlass als Krise empfunden wird.

Einer Lebenskrise liegt aus psychologischer Sicht immer ein Konflikt zugrunde, den das Individuum augenblicklich nicht bewältigen kann. Dabei kommt dem zugrunde liegenden Problem eine übermäßige Bedeutung zu. Die Krise kann schließlich solche Ausmaße annehmen, dass der Betroffene zugleich einen tiefen Sinnverlust empfindet. Bleibt die Krisensituation unbewältigt, so können in der Folge andere psychische Erkrankungen wie Depression, Essstörungen, Panikattacken auftreten, die das Leben der Betroffenen extremen Einschränkungen unterwerfen. Gerade bei schweren Lebens- und Sinnkrisen ist es daher von besonderer Bedeutung, die positiven, kreativen Möglichkeiten, die die Krise letztendlich auch aufweist, herauszuarbeiten.

Wer aktuell eine Lebens- oder Sinnkrise erlebt, wird jedoch kaum daran interessiert sein, mit Phrasen wie „das wird schon wieder“ oder „sieh das doch mal positiv“ konfrontiert zu werden. Jede Krise nimmt einen eigenen Verlauf und Betroffene müssen zunächst einmal Unterstützung und Zuwendung erfahren. Im Gespräch mit einem aktiven Zuhörer sollten sie Gelegenheit erhalten, sich nach eigenem Ermessen über die Krise und ihre damit einhergehenden Gefühle auszusprechen. Empathie und Vertrauen werden dazu beitragen, dass der Betroffene selbstheilende Kräfte entwickelt, die ihm den Weg aus der Krise weisen. Der totale Rückzug, die soziale Isolation und die damit einhergehenden Gefühle von Einsamkeit würden hingegen dazu führen, dass Betroffene keine angemessene Krisenbewältigung leisten können. Im schlimmsten Fall werden dann Problemlösungsstrategien angewandt, die die Ursachen noch verschlimmern, beispielsweise durch den Missbrauch von Alkohol und Medikamenten oder durch selbstverletzendes Verhalten, wie es auch bei der Borderline-Störung häufig zu beobachten ist.

Krisenberatung ist Lebensberatung. Einem Menschen aus einer akuten Krise herauszuhelfen bedeutet, ihm nicht nur den kleinen Finger, sondern die ganze Hand zu reichen. Tag und Nacht für ihn da zu sein, seinen Schmerz, seine Verzweiflung aushalten zu können. Nicht immer kann dies ein Einzelner leisten. In vielen Fällen sollte daher auch die Unterstützung durch professionelle Hilfe hinzugezogen werden.

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