Borderline

Borderline wurde lange Zeit nicht als eigenständige Erkrankung wahrgenommen. Dies hängt mit dem Erscheinungsbild ihrer Symptome und ihrer Ursachen zusammen. Borderline-Patienten sehen sich extremen Gefühlsschwankungen ausgesetzt und zeigen entsprechend Verhaltensweisen, die sie von außen betrachtet als unberechenbar erscheinen lassen. Der Stimmungswechsel wird häufig begleitet von verschiedenen Formen des (selbst-) schädigenden Verhaltens. Suizidversuche, selbstverletzendes Verhalten, Instabilität der Affekte und fehlende Impulskontrolle kennzeichnen die Borderline-Störung. Da all diese Symptome jedoch auch als Folge anderer Erkrankungen auftreten oder – wie das selbstverletzende Verhalten und die Depression – teilweise auch als eigenständige Erkrankungen zu bewerten sind, ist eine klare diagnostische Abgrenzung nicht leicht vorzunehmen.

Dem Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (ICD) zufolge lässt sich Borderline als eine länger andauernde Störung der Persönlichkeit und des Verhaltens erfassen. Diese wird zumeist bereits in Kindheit oder Jugend ersichtlich. Die Erkrankung entsteht ursächlich als Reaktion auf (frühkindliche) Erfahrungen, die bestimmte Verhaltens- und Reaktionsmuster hervorriefen. Sie wird daher auch als Teil einer posttraumatischen Belastungsstörung gedeutet. Borderline-Patienten unterscheiden sich in der Art und Intensität ihrer Wahrnehmung wie in ihrem Denken und Fühlen von anderen Menschen und erleben dies selbst als stark abweichend. Hinzu kommt, dass es ihnen nicht gelingt, eine emotional stabile Persönlichkeit aufzubauen.

Launisches Verhalten, Wutausbrüche, die Tendenz, den eigenen Impulsen unkontrolliert nachzugehen – Menschen, die an Borderline leiden, rufen bei anderen oft den Eindruck hervor, dass es sich um tyrannische, egozentrische Personen handle. Dies umso mehr, wenn man sich ihren Impulsen und Handlungen in den Weg stellt oder sie für ihr aggressives, reizbares Verhalten kritisiert. Doch tatsächlich leiden die Borderline-Patienten selbst unter ihrem Verhalten, können sie sich ihre eigenen Motive und Intentionen kaum erklären und kämpfen daher zusätzlich zu der Belastung durch die Erkrankung noch mit starken Schamgefühlen. Andere durchleben Zeiten der inneren Leere und der Antriebslosigkeit, die in eine Depression übergehen kann. Wie Personen mit selbstverletzendem Verhalten neigen dann auch Borderline-Patienten dazu, unerwünschten Gefühlen oder der inneren Leere durch Selbstverletzungen (zum Beispiel Ritzen oder Zufügen von Verbrennungen) bis hin zu Suizidversuchen entgegenzuwirken.

Es besteht demnach ein enger Zusammenhang zu anderen Erkrankungen wie sie aus spezifischen Lebenskrisen und Traumata resultieren. Neben den genannten Symptomen können auch Bulimie oder Magersucht, Probleme mit der Selbstfindung, süchtiges und zwanghaftes Verhalten die Borderline-Störung begleiten. Hinzu kommen gelegentlich dissoziative Zustände oder Erfahrungen der Depersonalisation. Das heißt, die Betroffenen erleiden eine starke Eintrübung ihres Bewusstseins bis hin zur Amnesie; andere erleben eine Trennung zwischen körperlicher und geistiger Wahrnehmung, die einem „Austreten“ aus dem eigenen Körper gleicht. Eine Borderline-Störung zu erkennen und zu behandeln, bedarf psychologisch fundierter Kenntnisse. Was für Außenstehende wie Disziplinlosigkeit oder gekränkte Eitelkeit aussehen mag, ist für die Betroffenen mit einem starken Realitätsverlust und ständiger Furcht vor der eigenen Gefühlswelt verbunden. In der Therapie oder Lebensberatung erfahren die Betroffenen häufig zum ersten Mal, dass sie nicht allein sind und dass es durchaus nicht nur ihrer Willenskraft unterliegt, sich zu beherrschen. Welche Therapieform sich als besonders geeignet erweist, ist von der Persönlichkeit und der Ausprägung der Erkrankung abhängig. Wichtig ist jedoch, dass Borderline-Patienten auch außerhalb der therapeutischen Sitzungen Ansprechpartner zur Verfügung stehen, an die sie sich in Krisensituationen wenden können.

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